Für einen Testbericht vor Gericht?

Testbericht vor Gericht
Riccardo Düring

meine Gedanken zum Tag

Ich gebe zu, der Titel klingt überzogen, entspricht aber den aktuellen Tatsachen und soll auch zum Nachdenken anregen. Zumindest ist das bei mir der Fall. Daher möchte ich heute mal nicht über etwas berichten, sondern mit Euch diskutieren und Eure Erfahrungen wissen.

Angeregt hat mich ein Fall, der seit geraumer Zeit intensiv auf Facebook, Google+ und Co. zerpflückt wird. Um den Fall selber geht es mir zwar nicht, aber falls Ihr es nicht gelesen habt, hier eine kurze Zusammenfassung:

Der Fall Fliegengitter!

Ein Kunde kauft bei Amazon ein Fliegengitter und schneidet es (angeblich) nach Anleitung zu. Ergebnis – es ist zu klein und damit unbrauchbar. Nun sicherlich verärgert bewertet er darauf den Verkäufer negativ und meinte die Anleitung sei falsch. Ziemlich schnell reagierte auch der Verkäufer und bestand auf die Entfernung der Bewertung. Worauf sich der Kunde allerdings erst einließ, als ihm eine Unterlassungserklärung zur Unterschrift ins Haus flatterte und er zusätzlich die Anwaltskosten tragen sollte. Dazu war er nicht bereit und schaltete seine Rechtsschutzversicherung ein.
Lange war Ruhe und dann kam der Hammer für unseren Käufer. 70000€ (nochmal in Worten: Siebzigtausend Euro) forderte der Käufer als Schadensersatz für Verdienstausfälle und Geld, welches nach seiner Sperre noch bei Amazon liegt. Eine Einigung war und ist nicht in Sicht. Und auch gestern, zum eigentlichen großen Tag der erhofften Urteilsverkündung, wurde die Klage nur wegen eines Formfehlers abgewiesen. Ein Ende ist also noch nicht in Sicht.

Wie ehrlich sollte eine Kundenmeinung sein?

In dem Fall geht es zwar um eine Bewertung in einem Verkaufsportal, aber im Grunde trifft das auch auf uns Blogger zu. Auch wenn man, wie ich, keinen Testblog betreibt, ist man interessant für Firmen und bekommt hin und wieder Testgeräte zur Verfügung gestellt oder bewertet selbst gekauftes. Ist das nun ein riskantes Unterfangen und sollte man lieber Abstand davon nehmen? Was darf man schreiben und was nicht? Überfliegt man das Netz, liest man schnell heraus – so lange man keinen Lügen verbreitet oder beleidigend ist, darf man überall seine Meinung vertreten. Im Grunde hat der Fliegengitterkäufer aber doch nichts anderes gemacht. Er war unzufrieden und hat, sicher im Glauben richtig zu handeln, seine Meinung vertreten. Etwas vollkommen normales, was täglich sicher tausendfach so passiert. Nun steht er trotzdem vor Gericht und jemand möchte 70000€ von ihm haben. Das ist sicher nicht mehr alltäglich.

Lebt man als Blogger kurz vorm Ruin?

Was wird nun aus uns Bloggern, die regelmäßig Artikel und Produkte bewerten? Die ja sogar ausführlich über jeden Artikel berichten und für einen guten Testbericht nach Fehlern am Produkt suchen. Dürfen wir nichts mehr testen? Müssen wir die rosarote Brille beim Schreiben eines Testberichts aufsetzen oder schon anfangen zu sparen, um bei einem negativen Testbericht nicht in den Ruin getrieben zu werden? Bei unserem Fliegengitterkäufer ging es mutmaßlich um einen Fehler in der Einbauanleitung. Dieser kann wirklich da sein, man kann sich aber auch mal verlesen oder etwas falsch interpretieren. Das ist mir selber gerade passiert und ich werde mir alles noch dreimal durchlesen, ehe ich dem Verkäufer mitteile, dass er einen Fehler in seiner Bauanleitung hat. Ich habe auch schon ein Produkt abschließend mit „nicht brauchbar“ kommentiert. Darf ich das noch?

Welche Konsequenzen ziehe ich als Blogger daraus?

Ehrlich gesagt – Ich weiß es nicht. Sicher hoffe ich, dass die Geschichte für den Käufer gut ausgeht, schließlich hat er die Bewertung wieder entfernt, was für mich ausschlaggebend ist. Niemand ist fehlerfrei und auch mir können beim Testen Fehler unterlaufen. Werde ich darauf hingewiesen, korrigiere ich sie und stelle es richtig dar. Aber schützt das vor einer Klage?

Was meint Ihr Leser, Blogger oder Amazonbewerter dazu? Macht Ihr weiter wie bisher? Kennt Ihr Möglichkeiten Euch abzusichern? Bewertet Ihr nicht mehr.
Auch zur eigenen Entscheidung würde mich Eure Meinung interessieren.

9 Gedanken zu „Für einen Testbericht vor Gericht?

  1. Sabine Hüttner

    Lieber Riccardo,

    du kennst mich ja bereits und weißt, dass wir uns selbst auch sehr darüber freuen, wenn Blogger sich mit uns und unserem Material befassen.
    Die Frage, die du hier aufwirfst, ist sicherlich nicht so einfach zu beantworten. Dennoch habe ich eine klare Meinung dazu: Ich denke, es ist für kein Unternehmen schön, negative Kritik zu bekommen. Dennoch lernt man nur aus Fehlern, wenn jemand darauf aufmerksam macht. Die Frage ist nicht, ob Kritik geäußert werden darf, sondern wie damit umgegangen wird. Manche entschuldigen sich, lernen daraus und machen es in Zukunft besser. Andere nicht. Wichtig ist für jeden, der Kritik äußert – egal, welcher Art -, dass der Respekt und der gute Ton gewahrt bleiben. Dann kann man immer auf kurz oder lang auf einen gemeinsamen Konsens kommen – und braucht dafür kein Gericht. Es kann nicht immer jedem alles gefallen, nur drüber reden sollte man können. 😉

    Liebe Grüße, Sabine von ProKilo

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    1. Riccardo DüringRiccardo Düring Beitragsautor

      Da sind wir uns auf jeden Fall einig, nur weiß man leider nie, an wen man so gerät. Der eine nimmt Kritik als Verbesserungsvorschlag auf und der andere fühlt sich angegriffen.
      Auf gut Glück mache ich weiter wie bisher und hoffe, an die richtigen Firmen zu geraten.

      Gruß Ricc

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  2. Heike

    ich denke hier werden Äpfel mit Birnen vermischt: 1. Testbericht und 2. Verkäuferbewertung. Wenn ich es richtig verstanden habe – ich kannte den Fall bisher nicht – war der „Tester“ ja mit dem Produkt unzufrieden, hat aber laut deinen Schilderungen den Verkäufer schlecht bewertet. vermutlich in einem Anfall von Frust, weil der Verkäufer ein zugeschnittenes, also mutwillig beschädigtes Fliegengitter nicht zurück nehmen wollte. Aldi oder Lidl, die bekanntlich keine Kundenberatung bieten und auch ab und zu Fliegengitter verkaufen, hätten es zugeschnitten bestimmt ebenso nicht mehr Umgetauscht. kauft man deshalb nie wieder bei den Discountern ein?
    ich vermute mal stark, dass der Tester keinerlei Probleme mit Amazon oder dem Verkäufer bekommen hätte, wenn er beim Produkt eine schlechte Wertung und einen Kommentar hinterlassen hätte, dass das Produkt ohne ausreichende Anleitung geliefert wird.
    langer Rede kurzer Sinn: ich vermute mal stark – als juristischer Laie – dass man kein solches Schlamassel auslöst, wenn man sich an die Regeln von Amazon hält, die ja besagen, dass man Produktbewertungen und Verkäuferangelegentheiten nicht michen darf und versucht mit gesundem Menschenverstand Probleme im Vorfeld auszuschließen. dass man zum Beispiel vor dem Kauf die Rücknahmebedingungen klärt oder wenn eine Anleitung unklar ist, dass man dann eine Rücksendung macht, bevor man die Schere ansetzt, etc. (eigentlich lustig, dass ich das schreibe, denn ich mache das in der Regel nie 🙂
    Bei einem Test-Blog wäre ich allerdings vorsichtiger, weniger wegen solch überzogenen 70000€ Klagen von Verkäufern, eher wegen möglichen schmerzhaften Abmahnungen der negativ getesteten Hersteller. Am sichersten ist man da vermutlich, wenn man YouTube Testvideos macht, da der Zuschauer ja den Test beobachtet und sich im wahrsten Sinne des Wortes sein eigenes Bild machen kann. und da sind wir wieder beim obigen Problem. in diesem Video würde ich ja nicht über den Verkäufer schimpfen, sondern zeigen wie schrottig die Anleitung und somit das Produkt ist. ich würde also keinen 70.000 € teuren Apfel-Birnen-Obstsalat produzieren 😉
    Eine lustige und zudem super erfolgreiche Testerin habe ich neulich bei YouTube entdeckt:
    http://youtu.be/tSmp_ZjB1Jg
    ich denke, wenn man es macht wie sie, kann man auch negativ testen, ohne große Probleme zu bekommen

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    1. Riccardo DüringRiccardo Düring Beitragsautor

      Danke auch für Deine Antwort.
      Wenn ich richtig informiert bin (weiß auch nicht mehr, als man so im Netz liest), ging es dem Käufer nicht um die Rückgabe, sondern um eine falsche Anleitung, welche den zu kleinen Zuschnitt verursacht hat. Er hat das Produkt und damit den Händler negativ bewertet, weil er es „nach Anleitung ruiniert“ hat.
      So Apfel/Birne finde ich das zu Bloggern (nicht nur Testblogger, dazu zähle ich mich ungern), nicht. Der Kunde nimmt ein Produkt und bewertet es auf Amazon – ich nehme ein Produkt und bewerte es auf meinem Blog. Einen großen Unterschied sehe ich da eventuell im Ablauf, der dem Blogger vielleicht einen rechtlichen Vorteil verschafft. In den meisten Fällen (gerade bei Testbloggern), bekommt der Blogger ja extra das Produkt um es zu testen und zu bewerten. Der Hersteller oder Händler muss also damit rechnen, dass der Schuss nach hinten losgehen kann. Bei Amazon kann es sich der Verkäufer nicht aussuchen.

      Inzwischen klingen aber die letzten Meldungen etwas anders. Hatte ich bei Themenerstellung noch davon gelesen, dass die Klage wegen eines Formfehler abgewiesen wurde, lese ich jetzt gerade, dass es wohl doch ein Urteil gab und der Kläger kein Geld bekommt, da er eine falsche Äußerung des Käufers nicht beweisen konnte.
      Weiter schreibt Focus in dem entsprechenden Artikel, dass jeder weiterhin seine Meinung äußern darf (zum Produkt, wie zum Händler), so lange man bei der Wahrheit bleibt und keine Persönlichkeitsrechte verletzt. Gut, nett sein kann ich. 🙂

      Gruß Ricc

      Fokus: http://www.focus.de/finanzen/recht/urteil-im-fliegengitter-fall-kein-schadenersatzanspruch-fuer-negative-bewertung_id_4026665.html

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      1. Heike

        Danke für das Update zum Fall!

        Mit Apfel/Birne meinte ich, dass bei Amazon die Leute mal gerne die Verkäuferbewertung mit der Produktkritik verwechseln. Das schien mir in diesem Fall so. Da findet man dann Produktkritiken, dass ein Produkt zu spät geliefert worden wäre oder die Post-Verpackung beschädigt gewesen sei. Wenn ich mich über das Produkt schlau machen will, helfen mir solche Produktkritiken wenig, denn evtl. kaufe ich das Fliegengitter ja ganz woanders. Darum möchte ich, dass es bei diesen Kritiken um das Produkt geht und nicht um den Verkäufer. Und anders herum ist es genauso. Ich schau ja nicht bei den Verkäuferbewertungen nach, wenn ich mich über ein Produkt informiere. Wenn das Produkt mir ner schrottigen Anleitung kam, dann ist das ein Produktmangel und sollte daher ne Produktkritik und nicht ne Verkäuferbewertung sein. Wenn dann ein Verkäufer nur Produkte mit schlechten Kritiken im Angebot hat, verkauft er eh automatisch weniger. Denk ich zumindest 😉

        So, jetzt ist aber auch gut, ich wollt das nur nachschieben, da ich meinen Apfel/Birnen Vergleich falsch verstanden fühlte 🙂

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        1. Riccardo DüringRiccardo Düring Beitragsautor

          Das ist ein Blog, der ist zur Unterhaltung da. 🙂
          Da hast Du natürlich vollkommen recht. Ich gebe auch nicht viel auf solche Bewertungen und versuche einen vernünftigen Blog zu führen. Ich denke auch, dass Blogger da deutlich mehr „Macht“ haben und „schädlicher“ sein können als so ein Negativ-Klicker.
          Ich denke, in dem Fall hat noch irgendwas anderes eine Rolle gespielt.

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  3. Meddle

    Hallo Ricc,
    ich denke da ist grundlegend schon etwas schief gelaufen.

    Wenn ich einen „echten“ Fehler erkennen kann, dann ist es eine „mangelnde Kommunikation“ seitens des Käufers. Wenn irgendetwas nicht so ist wie es sein sollte, dann kann mir nur der Verkäufer zu einem besseren Verständnis verhelfen. Erst wenn sich der auf die Hinterbeine stellt und mir alleine den schwarzen Peter zuschiebt, bleibt mir immer noch die „Rache“ via Bewertung.

    Als Tester solltest du das Testobjekt ja von möglichst vielen Seiten aus betrachten. Und für diese Betrachtungsweisen kann man niemanden verurteilen. Noch dazu wo es doch so gewollt ist oder war.

    Gruß Meddle

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    1. Riccardo DüringRiccardo Düring Beitragsautor

      Das stimmt natürlich. der erste Schritt sollte immer die Kommunikation sein. Damit kann man sich sicher einiges ersparen. Mir ging es aber auch nur bedingt um den speziellen Fall. Ich meinte es eher allgemein.
      Ich habe z.B. schon einen Bericht über ein Werkzeug geschrieben (von mir aus) und halte dieses für eine absolute Fehlkonstruktion. Eine Kommunikation mit dem Hersteller würde daran wahrscheinlich nichts ändern. Was, wenn der mich jetzt verklagt, weil er durch meine Veröffentlichung Umsatzverluste sieht? Schließlich gab es sogar Kommentare auf meinen Beitrag, in denen darauf potentielle Käufer ihre Meinung geändert haben.
      Wo bewegt man sich da noch im rechten Bereich?

      Gruß Ricc

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  4. Marc

    Besser spät als nie, aber trotzdem: Ohne hier auf die Frage Verkäuferbewertung Produktbewertung einzugehen, mal meine Meinung dazu: Durch meinen Blog bin ich in der Situation, immer mal wieder Werkzeug als Test-Produkte in der Hand zu halten – Wohlgemerkt immer mit der Ansage an der Sponsor, dass auch negative Aspekte erwähnt werden.

    Was ich manchmal sehe und falsch finde, wenn Leute Produkte bewerten und die Mängel als Fakt hinstellen. Aktuell habe ich einen Tacker im „Versuchslabor“, bei dem viele schreiben, dass sich des Öfteren die Nadeln verhaken. Just dasselbe Problem hatte ich auch, bis ich irgendwann merkte, dass das wahrscheinlich dann auftritt, wenn man die Sicherung nicht komplett durchzieht.

    Tja – Jetzt hätte ich ohne diese Einsicht auch lospoltern können, aber wie man sieht: Nur, weil man sich mutmaßlich an die Anleitung hält, sitzt das Problem _vielleicht_ vor der Anleitung.

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