Topfdeckel reparieren – Weil manche Topfdeckel heilig sind!

Topfdeckel reparieren

Wenn der Topfdeckel heilig ist, müssen wir Männer ihn reparieren

Riccardo Düring

Ricc – ich blogge für Euch

Hallo Leser meiner kleinen Projekte.

In meinem heutigen Beitrag geht es um einen Topfdeckel. Schlimm genug, dass ich solche Fehler begehe und während am Morgen mein Kaffee durch den Automat läuft den Geschirrspüler ausräume, halte ich doch tatsächlich auf ein mal den Topfdeckel in der einen Hand und den Griff in der andern. Na und, ist doch nur ein Topfdeckel – ich koche nicht. Muss mich also nicht nervös machen. Doch muss es! Das ist der Deckel, der zu dem einen Topf gehört, den ich beim Grillen nutze, um nicht sofort verspeiste Fleischlappen warm zu halten, ohne dass sie trocken werden. Damit gehört der Topf und auch der Topfdeckel zum Grillzubehör und hat einen gewissen heiligen Status. Daran gibt es für uns Männer nichts zu rütteln. Mit sofortiger Wirkung steht der Tagesplan fest und der Geschirrspüler halb ausgeräumt in der Küche. Ich nehme meinen Kaffee und gehe in die Werkstatt.

Warum werden in Edelstahldeckel Stahlgewinde gewendet?

Ohne den dramatischen Fall genauer zu begutachten, ist klar – Durchgerostet. Warum nehmen die bei Edelstahldeckel auch einfache Stahlschrauben? Schlimmer noch, es war nicht mal eine Schraube. Da wurde ein Gewindebolzen auf den Deckel gepunktet und auf diesen der Griff geschraubt. Somit hat man nicht mal die Chance eine angerostete Schraube zu wechseln, ehe sie den Geist aufgibt. Nun ist es doch so weit, das Gewindestück ist durchgerostet und steckt unlösbar im Deckel.

Topfdeckel reparieren mit Dremel und Workstation

Dremel mit Workstation und Trennscheibe

Aber wozu habe ich Zerspanungsmechaniker gelernt, wenn mich das abhalten würde. Der Deckel wird zur Seite gelegt und der Griff begutachtet. Viel ist auch nach der Mini-Drahtbürsten-Bearbeitung nicht zu erkennen. Fakt ist, alles muss geebnet werden und irgendwie kriege ich da schon ein neues Gewindeloch rein. Also eine Trennscheibe in den Dremel, den Dremel in die Workstation (Bohrmaschinenständer – heißt bei Dremel halt so), den Griff darunter und alles überflüssige so knapp wie möglich abgeschnitten.

Anschließend wird die Trennscheibe gegen einen Schleifdorn ausgetauscht. Der arbeitet zwar nicht so effektiv, lässt sich aber bündig am Rand aufsetzen und kann alles eben abschleifen. Jetzt wird auch der Aufbau sichtbar. Im Deckel ist eine Messingbuchse mit Innengewinde eingelassen, in die der Gewindebolzen geschraubt wurde.

Der Griff braucht ein neues Gewinde

Ich hätte sicher versuchen können das verrostete Gewinde zu entfernen, um es weiterhin zu nutzen, aber auf die Fummelei hatte ich keine Lust. Also einfach ausbohren und ein neues Gewinde schneiden. Lockert sich der alte Gewindebolzen dabei doch, kommt halt ein größeres Gewinde rein. Bis maximal M10 ist Platz. 🙂 Gut, das muss ich ja nicht ausnutzen.

Laser-Kreuz zum exakten Ausrichten der Bohrung

Laser-Kreuz zum exakten Ausrichten der Bohrung

Zum Ausbohren sollte exakt die Mitte der alten Verschraubung getroffen werden und der Bohrer nicht verlaufen. Viele verwenden hierfür einen Körner, den ich vermutlich auch irgendwo besitze, aber nie nutze. Entweder kommt ein NC-Anbohrer zum Einsatz oder ein Zentrierbohrer. Die Bohrer sind sehr scharf, kurz und aus HSS-Stahl. Das bedeutet, sie können sich nicht verbiegen und bleiben exakt am angesetzten Punkt. Eine Körnung ist nicht nötig. Bei dünnen Materialien kann der Zentrierbohrer auch gleich zum Bohren genutzt werden. Man ist jedoch auf standardisierte Durchmesser angewiesen. Vorteilhaft ist dabei der dickere Schaftdurchmesser mit Senkschneiden, mit denen man die Bohrung gleich etwas senken beziehungsweise entgraten kann.

Ist das Loch nun zentriert, kann der Kerndurchmesser des neuen Gewindes gebohrt werden. Ich habe mich für ein M6 Gewinde entschieden und benötige daher ein Kernloch mit einem Durchmesser von 5 mm. Sehr kurze VHM-Bohrer (Voll-Hartmetall) sind formstabil, verlaufen nicht und erzielen somit absolut exakte Bohrergebnisse, was gerade beim nachträglichen Schneiden von Gewinden sinnvoll ist.

 

Gewindeschneiden ist keine Kunst.

Bis zu diesem Punkt stellt die Reparatur für viele kein Problem dar, beim Gewinde kapitulieren einige jedoch, was absolut nicht sein muss. Das benötigte Zubehör gibt es überall zu kaufen und für solche Arbeiten reichen auch die günstigen Angebote. Das wirklich schwierige ist das gerade Ansetzen des Gewindebohrers. Gut, wer eine Tischbohrmaschine oder einen Bohrmaschinenständer und ein Bohrgerät mit einer sehr langsamen Drehzahl hat. Sinnvoll ist es, das Teil beim Wechsel zwischen Bohrer und Gewindebohrer nicht auszuspannen. Das garantiert eine exakte Flucht zwischen Bohrloch und Gewindebohrer.

Aber nun zur Praxis: Gewindebohrer einspannen, etwas Schneidöl, Fett oder meinetwegen auch Butter dran und mit der langsamsten Geschwindigkeit ansetzen Zieht sich der Gewindebohrer etwas in das Bohrloch, kann von Hand weitergeschnitten werden. Hierbei nicht, wie häufig falsch beschrieben, den Gewindebohrer eine Umdrehung eindrehen und mit einer kurzen Rückwärtsbewegung die Späne brechen. Das schadet dem Gewindebohrer und die abgebrochenen Späne verstopfen das Bohrloch. Leider ist die falsche Meinung sehr weit verbreitet.

Das Gewinde wurde erfolgreich geschnitten und der neue Topfdeckel bekommt nun seine verdiente Edelstahlschraube. Um das Risiko zu verringern, dass sich die Messingbuchse löst, habe ich die maximale Tiefe ausgenutzt und das neue Gewinde bis in den Kunststoff geschnitten. Das gibt zusätzlichen Halt.

Topfdeckel reparieren – das glänzende Finale

Der Griff hat ein neues Gewinde und die Schraube wurde passend gekürzt. Fehlt nur noch der Deckel. Der hatte durch den angepunkteten Gewindebolzen natürlich kein Loch, passte aber zum Glück trotz der Größe unter die Tischbohrmaschine. Zum Einsatz kam wieder der Zentrierbohrer, körnen wäre auch kaum möglich gewesen.

Was mir aber nicht gefiel, war die matte Oberfläche unter dem Griff. Klar, das sieht man später nicht mehr, aber ich wäre nicht ich, wenn ich das so lassen würde. Also an den Kühlschrank…. erwähnte ich, dass ich meine Werkstatt mit Küche liebe? ….die Flasche mit der flüssigen Zitrone geholt, kurz einwirken lassen und alles nachpolieren. Jetzt ist der Topfdeckel bereit zum Zusammenbau. Von der Reparatur sieht man zwar nichts mehr, aber der nächste heilige Grillabend ist gerettet. Boah, bin ich stolz auf mich. 😀

Topfdeckel reparieren

 

2 Gedanken zu „Topfdeckel reparieren – Weil manche Topfdeckel heilig sind!

  1. Hajo

    Hallo Riccardo,

    dieser Bericht über die Reparatur eines Topfdeckels, ja nicht irgendeines Topfdeckels, sondern dem Topfdeckel der mit dem dazugehörigen Topf das Grillgut warm hält und das Austrocknen verhindert ist ja wirklich bis ins Kleinste detalliert beschrieben. Wenn mich das Schicksal einmal trifft das ich einen defekten Topfdeckel habe werde ich die Reparatur anhand dieser Beschreibung selbst einmal versuchen. Der Text ist im übrigen sehr gut und interessant geschrieben.
    Vielen Dank für diesen tollen Bericht.
    Hajo

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  2. Peter

    Danke für den ausführlichen Bericht. Manche Töpfe und dazugehörige Deckel sind einfach zu gut, um sie einfach wegzuschmeißen. Besonders bei alten Töpfen würde es mir teilweise weh tun, wenn ich sie nicht mehr nutzen könnte.

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